Impressionen vom Bildungsstreik

Es riecht nach Schweiß im besetzten Audimax. Die Okkupation begann gestern und wird auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden. Sehr zu meinem Unmut, wurde beschlossen auf Gewalt zu verzichten. Scheiß Demokratie.

Ich lasse meinen Blick im Vorzeigehörsaal der Universität schweifen und sauge die Einflüsse in mich auf. Schlecht rasierte Studenten versammeln sich in Ecken, tuscheln, diskutieren. Es liegt ein Hauch von Revolution in der Luft, wenigstens ein kleines Bisschen. Fleißig an Bionade-Flaschen nuckelnde Bachelor-Studenten arbeiten Forderungen aus, kritisieren, subsumieren, planen und verwerfen. Es werden Ankündigungen per Mikrofon gemacht, es wird weiter geplant, weiter abgestimmt.

Ich verlasse den Hörsaal und treffe einen marktradikalen FDP-Parteisoldaten. Er sei überzeugter Kapitalist und habe gelesen, dass das im Zuge des Bologna Prozesses eingeführte Studiensystem prinzipiell besser sei, als das andere, es mangele lediglich hier und da an der Umsetzung. Ich bin, gerade was Detailfragen angeht, chronisch schlecht informiert und versuche das Gesprächsthema in gewohnte Bahnen zu lenken. Wir schwelgen in unserer gemeinsamen Vision über eine Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinanderklafft, die Privilegierten in hermetisch abgeriegelten Enklaven ein Leben in Saus und Braus genießen und man „sozial schwache“ Bezirke nur noch mit Panzern und schusssicherer Weste betreten kann. Eine Gesellschaft in der die Asozialen unter sich bleiben und man als Besserverdiener ungestört mit seinem Zuchtpudel Gassi gehen kann, ohne ständig über Obdachlose stolpern zu müssen – endlich mal so ganz ohne schlechtes Gewissen.

Zurück ins Audimax. Ein Politiker einer ehemaligen Volkspartei betritt den Saal. Die Atmosphäre ist autoritätsgeschwängert. Der Volksvertreter spricht zur Masse – politische Interaktion Face to Face. Die Menge ist gespalten, zwischen kritisch Fragenden und unkritisch Applaudierenden. Es wird viel geredet, es werden lange Sätze gemacht, angefüllt mit eingeschobenen Nebensätzen, mit Fremdwörtern gespickt und mit Kommata garniert. Der Politiker praktiziert die Kunst mit vielen Worten wenig zu sagen – er ist ein Meister seines Faches. Nach zehn Minuten ist er wieder weg und ich bin so schlau als wie zuvor.

Ich fühle mich wenig ernst genommen von der Politik, meine Hoffnung in sie habe ich schon lange begraben. Protest ist gut, denke ich mir, notwendig vor allen Dingen. Was am Ende dabei herauskommen wird? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht sollte man den Punkt der Gewaltlosigkeit noch einmal überdenken… Ich werde einen dahingehenden Vorschlag im nächsten Plenum einbringen. Vielleicht ist Demokratie ja doch gar nicht so schlecht.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s