Archive for Dezember 2009

Johnny Bargeld

29. Dezember 2009

Johnny Cash spielte im Jahre 1969 das oben in Ausschnitten zu sehende Konzert in einem der berüchtigtsten Gefängnisse der Vereinigten Staaten. Als die führenden Sendeanstalten den Videomitschnitt zunächst aus politischen Gründen nicht zeigten (zu gesellschaftskritisch für das Abendprogramm), war das ein starkes Indiz dafür, dass Mr. Cash etwas richtig gemacht hatte.

San Quentin ist ein chronisch überfülltes Gefängnis in Kalifornien, das durch die darin vorherrschende Brutalität traurige Berühmtheit erlangt hat. Immerhin hat man sich im Jahre 1994 in einem Anflug christlicher Nächstenliebe dazu entschieden, die Gaskammer umzubauen und die Insassen der Todeszelle in Zukunft per Giftinjektion hinzurichten. Die Welt kann so schön sein.

Die Gesichter der Gefangenen in dem Video sprechen Bände und Johnnys Performance lässt nichts zu wünschen übrig.

Endlich vorbei!

26. Dezember 2009

Weihnachten ist vorbei. Endlich! Seit September stopfe ich mich schon mit Schokoladenweihnachtsmännern voll, bis ich Brechreiz kriege, sehe überall Weihnachtsdekoration, die mich schon mal freundlich stimmen soll und dann – Rums! – der heilige Abend steht vor der Tür. Ich soll auf Knopfdruck freundlich sein, die Besinnlichkeit soll sich einstellen, aber bitte plötzlich. Da hat jemand aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht! All die erzwungene Freundlichkeit und Scheinheiligkeit potenziert den Hass in mir zu einer Art Schwarzem Loch, das droht rücksichtslos alles um sich herum einzusaugen und in ein Paralleluniversum zu katapultieren, in dem das ganze Jahr über Weihnachten ist, bis es allen aus den Ohren rauskommt!

Das so genannte Fest der Liebe ist eine Propagandaveranstaltung, die mich daran erinnern soll, dass es mir ja doch gar nicht so schlecht geht. Immerhin stopfe ich mich bis zur Besinnungslosigkeit mit fettigem Essen voll (was mache ich eigentlich sonst das ganze Jahr?) und spüle alles mit Wein hinunter, um die Sinne zu betäuben. Ich habe den Verdacht, dass wer auch immer von mir will, dass ich Weihnachten feiere, mich eigentlich nur ruhig stellen will. Ich soll nicht auf die Straße gehen und Steine in Bankfilialen schmeißen, den Tod unserer Kanzlerin und die sofortige und kompromisslose Revolution fordern. Ich soll einfach die Fresse halten, dem Penner vor dem Bahnhof dreißig Cent mehr geben als sonst und darüber sinnieren, wie gut es mir doch eigentlich geht.

Aber na ja, jetzt ist es ja vorbei und ich kann endlich wieder ungestraft und ohne schief angeguckt zu werden asozial sein. So gefällt mir das.

Guns don’t kill people…

16. Dezember 2009

Wer kennt die Situation nicht? Man kuschelt sich gerade in seine flauschige Daunendecke und ist kurz vorm verdienten Schlaf, den man sich als Leistungsträger dieser Ellenbogengesellschaft auch redlich verdient hat, da wird die Tür eingetreten und ein anonymer Übeltäter steht in den trauten vier Wänden.

Gerade in Amerika ist die Bandbreite möglicher Feindbilder, vor denen man sich schützen muss, enorm. So haben beispielsweise weiße Bewohner der Vororte Angst vor schwarzen Ghettobewohnern. Schwarze Ghettobewohner haben Angst vor anderen schwarzen Ghettobewohnern – und natürlich vor weißen Polizisten. Alle haben Angst vor fundamentalistischen Terroristen aus dem Morgenland. Moslems haben Angst vor der CIA und unfreiwilligem Urlaub in Guantanamo Bay, Survivalists haben Angst vor der UNO, etc., etc.

Glücklicherweise versteht es der Kapitalismus aus jeglicher Not eine Tugend zu machen! Was hilft besser gegen Angst, als Waffen?!

Ganz ehrlich: Wirkt der Vermummte im Hauseingang nicht nur noch halb so bedrohlich, wenn man den kalten Stahl einer Remington Combat-Shotgun in seinen Händen spürt? Muss man sich wirklich vor dem Schatten in der Ecke fürchten, wenn man den Raum mit dem gleißenden Licht seines 45er Mündungsfeuers erhellen kann? Muss man Angst vor dem dicken, bärtigen Einbrecher haben, der sich durch den Schornstein abseilt, wenn man ihn mit einigen Schüssen aus einer Tech-9 Halbautomatik begrüßen kann? Boom! Boom! Boom! Second Amendment, Baby! God bless America!

Oder war das etwa doch nur der Weihnachtsmann?

Arschgeweih war gestern

8. Dezember 2009

Wer dachte, dass der Gipfel des schlechten Geschmacks in Sachen Tätowierungen schon seit geraumer Zeit erklommen wurde, darf sich freuen. Es gibt immer noch genug Idioten auf der Welt, die ihre Haut als Illustrationsfläche ihrer eigenen Debilität nutzen. Arschgeweihe und chinesische Beleidigungen auf dem Arm waren gestern. Überzeugt euch selbst davon!

Bei ugliesttattoos.com gibt es haufenweise Tattoos zum Fremdschämen und Bemitleiden.

Beim Tätowierer seiner Wahl sollte man auch aufpassen, sonst wird das Charly Chaplin Porträt schnell zum Ebenbild des GRÖFAZ.

Viel SPASS damit!

Ein Plädoyer für Intoleranz

4. Dezember 2009

Ich fahre auch schon seit Jahr und Tag einen Null Toleranz Kurs gegenüber allem und jedem. Es ist doch ein natürlicher menschlicher Impuls, wenn man sich gegen Missetäter zur Wehr setzt, oder etwa nicht?

ICH zücke die Kettensäge, wenn die Muselmänner meine Stadt mit Minaretten zubauen wollen! ICH habe das Telefon immer griffbereit, um Falschparkern die Hüter von Gesetz und Ordnung auf den Hals zu hetzen. ICH habe eine Waffe – aufgebohrt, geladen und entsichert.

Null Toleranz ist mein Motto und danach lebe ich. Wenn die Kassiererin nicht schnell genug ist, wenn das Kind des Nachbarn mal wieder lauter schreit, wenn der Nachbar seine GEZ-Gebühren nicht GEZahlt hat – ich zeige NULL TOLERANZ.

Toleranz ist im Übrigen ein inflationär verwendeter Ausdruck. Homosexuelle, Vegetarier, Frauen und Ausländer fordern Toleranz, als gäbe es Freibier in der Kneipe. Sie können nicht genug davon kriegen, als wäre das Leben ein großes Selbstverwirklichungsseminar. NEIN!

Toleranz ist der kleine, verschissene Bruder der Inkonsequenz. Keiner mag ihn, keiner will mit ihm spielen.

Wenigstens bin ich nicht der einzige, der so denkt. Ähndschie ist auf meiner Seite.

Halleluja!

Gib‘ mir einfach meinen Kaffee, du Penner!

2. Dezember 2009

Letztens wollte ich einen Kaffee bei Starbucks trinken. Ich wurde durch subtil positionierte Schilder darüber informiert, dass jeder Cappuccino, den ich mit hinter die Binde kippe hilft, krebskranke Kinder in Guatemala zu retten, den Regenwald aufzuforsten und die Ozonschicht wiederherzustellen.

Na gut, ich war nicht bei Starbucks (aus Hass!), es geht mir hier nur darum ein Prinzip zu verdeutlichen. Wenn ich bei McDonalds einen FettBurger essen gehe, stehen die Spendenbüchsen bereit – Kindern in Not soll geholfen werden, wenn ich einen Kasten Bier kaufe, versichert mir Günther Jauchs ewig grinsende Hackfresse, dass ein Quadratmeter Regenwald gerettet wird, der Bagger fährt dann wahrscheinlich kurz mal eine Schleife, oder so… Bill Gates, der größte Kapitalist überhaupt (möglicherweise gar der Antichrist persönlich), rettet die Welt mit der Bill und Melinda Gates Foundation und kauft sich so quasi von der Schuld die er auf den Schultern trägt (Microsoft, Monopol, Windows Vista, etc.) frei.

Darum geht es letztendlich auch bei Starbucks, wenn ich meinen imaginären Kaffee bestelle. Ich kaufe nicht nur einen Kaffe, sondern auch einen Rattenschwanz an Ideologie, an unternehmerischer Pseudo-Kultur. Ich kaufe nicht nur Kaffee, sondern ein Stück Lebensgefühl, zelebriere ein gewisses Gemeinschaftsgefühl und helfe sogar Kindern in Guatemala, rette den Regenwald, etc. So soll die „Sünde des Konsums“ externalisiert werden.

Das bizarre daran ist, das ich durch den Akt des Konsums (ich kaufe einen Kaffee), das Gefühl vermittelt bekommen soll, dass ich Teil einer Bewegung bin, die gegen die Missstände in der Welt kämpft, die durch GENAU DIESEN KONSUM verursacht werden.

Somit bin ich plötzlich kein heuschreckenähnlicher Nimmersatt mehr, der ohne Rücksicht auf Verluste alles in sich hineinstopft, worauf die Werbung ihn programmiert hat – Nein! Ich fresse bewusst und rette die Welt.

Das ist der Ablassbrief des 21. Jahrhunderts. Schöne neue Welt.