SPASS im besetzten Haus

Da war ich letztens in Weimar und landete in einer Bastion des linken Widerstands – im Besetzten Haus. Das glaubte ich zumindest im ersten Moment. Endlich die Menschen persönlich treffen, die Autos von Spießbürgern anzünden, die besten Rezepte für Molotowcocktails austauschen, Gewalt gegen den Staat und seine Organe praktizieren und sich den Zwängen der Konsumgesellschaft entgegenstellen.

Draußen an der Wand war ein großes Bild von Mumia Abu Jamal – Flagge zeigen, nenn ich das! Das Herz pochte ein wenig, ich wischte eine kleine Freudenträne aus meinem linken Auge. Nun würde ich endlich den frühlingshaften Windhauch der Revolution durch mein Haar wehen spüren, einen Mikrokosmos der wahren Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erleben, würde die Faust ballen und gen Himmel recken und mich einreihen, wenn auch nur für einen kurzen Moment, in die kampfbereiten Massen, um den Frust herauszubrüllen, die Gerechtigkeit zu erstreiten. Und wie immer, wenn ich mich wirklich auf etwas freue, kommt es ganz anders.

Zuerst wurde ich von meinem Gastgeber, einem Anwohner besagten Hauses, durch einen Gang zu einer Tür gebracht. Diese führte uns in – nun ja – in eine Bar, würde ich sagen. Ich dachte, zuerst es sei nur ein Fehler in der Matrix, bzw. eine geringfügige Störung im Raum-Zeit-Kontinuum, die mich plötzlich in einer X-beliebigen Friedrichshainer Kneipe hat landen lassen. Wie so oft, irrte ich mich. Ich war tatsächlich in einer (fast stinknormal anmutenden) Kneipe! Zwar wehten dicke Marihuanawolken um mein Haupt, aber das wäre in Berlin ja auch nicht ungewöhnlich.

Nach einer Weile brachte uns unser Gastgeber eine Treppe hinauf in sein Zimmer. Was würde mich erwarten? Bombenbastelnde Bärtige? Waffenarsenale? Diskussionsrunden mit anderen vom System angefressenen Antikapitalisten? Nicht ganz…

Im Zimmer angelangt, erwartete mich abermals ein nicht ganz ungewohnter Anblick… der einer stinknormalen WG-Küche. Ich lobte die Geräumigkeit des Domizils und ließ meine Blicke schweifen. Scheinbar wollen auch Hausbesetzer nicht auf Gewürzregale verzichten…und auf Tische, Stühle und gottverdammt nochmal ALLES, was eine stinknormale Küche auch hat! Mit detektivischem Spürsinn entdeckte ich einen Zettel an der Wand, der monatliche Zahlungen von 100 Euro ankündigte (das Wort „Miete“ wurde peinlichst vermieden). Scheinbar wollen Hausbesetzer auch lieber nicht auf Strom und fließend Wasser verzichten. Wie sich herausstellte, wollte Weimars Che auch nicht ohne andere moderne technische Errungenschaften leben. So präsentierte er mir (nicht ganz frei von Stolz) auf meine rhetorische Frage, ob er denn Internet hätte, sein MacBook! So lässt es sich leben! Irgendwann schmiss er uns dann auch raus, er hatte wohl einen Termin am nächsten Tag und ich konnte nicht umhin zu denken, dass die Träume dieses Revolutionärs insgesamt doch sehr bürgerlich waren…

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s